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Globalisierung nach dem Honeymoon

03.05.2026

Globalisierung nach dem Honeymoon

Rückblick | Chefsache Globalisierung am Wendepunkt | 29. April 2026 | Insel Mainau

Für die Wirtschaft gilt, was auch in einer Partnerschaft gelten sollte: Sie hält nur dann, wenn beide Seiten geben, profitieren, wachsen. Und wenn`s mal schwierig wird, liegt die Verantwortung dafür nicht immer ausschließlich bei der anderen Seite.

Wir kommen aus einer Welt klarer Rollen. Deutschland und der Westen entwickeln, produzieren und exportieren technologisch anspruchsvolle Industriegüter. Der Rest liefert zu, nimmt ab und adaptiert. Die Chefsache "Globalisierung am Wendepunkt" auf der Mainau war kein Honeymoon auf der Insel der Glückseligen. Es war ein offener Austausch mit Prädikat "Tacheles".

Dalia Marin von der TUM zeigte, wie sich geopolitische Verschiebungen auf Handel und Arbeitsteilung auswirken. Steigende Unsicherheit kann Rückverlagerung auslösen – unter bestimmten Voraussetzungen. Ihre zugespitzte These: Die Defence-Industrie könnte Deutschland aus dem Sumpf ziehen. Die Frage: Wo sollte darüber hinaus Industriepolitik betrieben werden und wo wirkt die Kraft des Marktes zielführender?

Matthias Sonn, ehemaliger Botschafter unter anderem in Litauen, formulierte es klar: Deutschland hat keine Alternative zur Globalisierung. Und keinen Weg daran vorbei, wieder verteidigungsfähig zu werden – materiell und mental. Ricardo gilt noch. Aber nicht mehr ohne Einschränkung.

Für Hansgrohe und CEO Hans Jürgen Kalmbach bleibt Deutschland der Kern von Wertschöpfung und Innovation. Doch auch globale Marken müssen Globalisierung neu denken. Design und Differenzierung gewinnen an Gewicht. Ein ausgefeiltes Segmentierungsmodell hilft dabei internationale Standortentscheidungen bewusster, strategischer und erfolgsversprechender zu treffen. Innovationszentren arbeiten nicht mehr nach dem Prinzip „aus dem Schwarzwald für die Welt“, sondern entlang der Bedürfnisse in den Märkten. Und: Wer global agiert, muss auch Leadership global denken.

Werner Mäurer, CEO von Hiwin, machte aus seinem Vortrag ein Plädoyer. Für Verantwortung. Für Ehrlichkeit. Der Elefant im Raum ist vielleicht nicht China oder Taiwan – sondern wir selbst. Die Frage ist nicht nur, wovor wir uns fürchten. Sondern warum. Ist es mangelnde Anpassungsfähigkeit? Zu wenig Veränderungsbereitschaft? Der Blick in die Geschichte hilft: Der Niedergang der Uhrenindustrie im Schwarzwald zeigt, wohin das Festhalten am Alten führt. Aber auch, was möglich ist. Daraus ist Neues entstanden. Sich neu zu erfinden braucht Mut und klare Kante.

Die Framo Morat Group ist ein Beispiel dafür. Aus der Uhrenindustrie hervorgegangen, heute Weltmarktführer bei gekrümmten Treppenliften. CEO Gökhan Balkis sagt klar: Entwicklung und Innovation ausschließlich aus Deutschland heraus funktionieren nicht mehr. So sind die Kosten für den Faktor Arbeit in Eisenbach im Hochschwarzwald mittlerweile höher als in Zürich. Arbeitszeiten, Feiertage, Urlaub, Elternzeit, Krankheitstage und Kündigungsschutz verlangen dem Unternehmen maximalen Standortpatriotismus ab.

Und dennoch: Globalisierung ist kein Nullsummenspiel. Arbeit lässt sich nicht nur verteilen, sondern addieren. Eins plus eins kann drei ergeben. Wenn Wertschöpfung international gedacht wird und alle daran teilhaben.