Industrie zeigt erste Zeichen der Erholung
29.07.2026

Gundelfingen, 29. Juli 2026: Der industrielle Mittelstand zeigt erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung. Der Ende Februar ausgebrochene Konflikt mit dem Iran dürfte die wirtschaftliche Unsicherheit erhöht haben, spiegelt sich in den aktuellen Ergebnissen aber eher begrenzt wider. Fast alle Indikatoren deuten auf eine beginnende wirtschaftliche Erholung hin. Bei den Erträgen und auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich die Erholung bislang noch nicht. Das ist das Ergebnis der Konjunkturumfrage der wvib Schwarzwald AG zum ersten Halbjahr des Jahres 2026, die heute bei der HERMETIC-Pumpen GmbH in Gundelfingen vorgestellt wurde.
Der Kommentar von Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme: „In der Industrie hat sich die Stimmung zuletzt leicht verbessert. Die Wirtschaft zeigt zarte Zeichen der Erholung. Die Unsicherheit ist aber weiterhin groß, die Strukturprobleme am Standort Deutschland bleiben.“
Der Anteil der Unternehmen mit gestiegenen Umsätzen hat sich deutlich erhöht: Insgesamt meldeten 58 Prozent der Unternehmen gestiegene Umsätze. Gesunkene Umsätze gaben in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres 35 Prozent der Unternehmen an.
In der Umfrage zu den ersten drei Monaten des Jahres waren die Umsätze lediglich bei 44 Prozent der Unternehmen gestiegen, 48 Prozent meldeten damals geringere Umsätze.
Die wvib-Mitgliedsunternehmen steigerten ihren Umsatz im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,4 Prozent. Damit setzt sich die leichte Aufhellung vom Beginn des Jahres fort. Im ersten Quartal des Jahres 2026 betrug das Umsatzplus bereits 4 Prozent. Im Gesamtjahr 2025 hatte sich der Umsatz noch um 0,3 Prozent verschlechtert.
Der Ausblick deutet auf eine weitere Aufhellung hin: 35 Prozent rechnen in den nächsten sechs Monaten mit steigenden Umsätzen (Q1 2026: 30 Prozent), wohingegen 16 Prozent mit einem Umsatzrückgang rechnen (Q1 2026: 16 Prozent).
Verrechnet man positive und negative Umsatzentwicklung, so erhält man einen Wert für die Geschäftslage der Unternehmen. Analog dazu ist die Geschäftserwartung der Saldo aus positiver und negativer Umsatzerwartung. Aus dem Mittel zwischen Geschäftslage und Geschäftserwartung bildet sich das wvib-Geschäftsklima.
Das wvib-Geschäftsklima notiert mit 21 Punkten derzeit auf dem höchsten Wert der letzten drei Jahre. Vor drei Monaten war der Wert für das Geschäftsklima auf fünf Punkte gesunken, in der Umfrage zum Gesamtjahr 2025 lag das Geschäftsklima bei rund 13 Punkten.
Sowohl die Geschäftslage (23 Punkte) wie auch die Geschäftserwartungen (19 Punkte) haben sich in den letzten drei Monaten verbessert und tragen so zur Aufhellung des Geschäftsklimas bei.
Besonders deutlich ist der Anstieg der Geschäftslage: In der Umfrage vor drei Monaten notierte diese mit minus vier Punkten deutlich schlechter als heute. Währenddessen haben sich die Geschäftserwartungen von 14 auf 18 Punkte etwas weniger deutlich verbessert.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit der Umfrage von vor sechs Monaten: Damals lag die Geschäftslage bei etwa null Punkten – allerdings waren die Erwartungen mit 26 Punkten noch besser als heute.
Im Vergleich der Branchen zeigen sich deutliche Unterschiede. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Automotive-Cluster: Erstmals seit 2023 liegt die Geschäftslage mit 14 Punkten wieder im positiven Bereich. Auch die Geschäftserwartungen sind mit 22 Punkten positiv. In Summe liegt das Geschäftsklima damit mit 18 Punkten im Plus und nur geringfügig unter dem allgemeinen Schnitt.
Im Cluster Maschinenbau hat sich das Geschäftsklima mit 27 Punkten ebenfalls deutlich verbessert. Die Geschäftslage rangiert mit 33 Punkten deutlich über dem allgemeinen Wert, die Geschäftserwartungen liegen mit 22 Punkten knapp über dem allgemeinen Durchschnitt.
Das Medizintechnik-Cluster bestätigt seine Position als Konjunktur-Primus: Mit 46 Punkten rangiert das Geschäftsklima überdeutlich im Plus. Sowohl Geschäftslage (42 Punkte) wie auch Geschäftserwartungen (50 Punkte) tragen zu dieser Position bei.
In der Kunststoff-Branche hat sich die Geschäftslage zuletzt kaum verändert. Sie rangiert im Vergleich zur letzten Umfrage weitgehend unverändert bei 19 Punkten. Die Geschäftserwartungen sind dagegen deutlich zurückhaltender und liegen nur bei 5 Punkten. Damit liegt das Geschäftsklima der Branche mit 12 Punkten deutlich unter dem allgemeinen Wert – und hat sich im Vergleich zur vorherigen Umfrage deutlich verschlechtert.
Die Branche ist stark von Erdöl abhängig, da Rohöl und Erdgas die chemische Basis für die meisten Polymere bilden. Eine Eskalation im Nahen Osten könnte sich deshalb deutlich stärker als in anderen Wirtschaftsbereichen niederschlagen.
Unter den metallverarbeitenden Unternehmen der wvib Schwarzwald AG, also etwa CNC-Drehereien oder Umformbetrieben, haben sich die Aussichten zuletzt etwas gebessert. Die Geschäftslage liegt hier bei 16 Punkten, die Geschäftserwartungen liegen mit 14 Punkten etwas unter dem allgemeinen Durchschnitt. Das Geschäftsklima liegt bei 15 Punkten.
Auftragseingang signalisiert weitere Erholung
Auch der Auftragseingang signalisiert eine vorsichtige Erholung: In den ersten sechs Monaten des Jahres ist der Auftragseingang in den befragten Unternehmen um 6 Prozent gestiegen. Dabei betrug der Anstieg in den ersten drei Monaten des Jahres noch rund 8 Prozent. Der Auftragseingang bleibt damit positiv, auch wenn sich die Dynamik zuletzt etwas normalisiert hat. Im Gesamtjahr 2025 war der Auftragseingang nur um etwa 2 Prozent gestiegen.
Verbessert hat sich der Auftragseingang bei rund 50 Prozent der Unternehmen, verschlechtert bei rund 26 Prozent. Vor drei Monaten meldeten rund 47 Prozent der Unternehmen einen verbesserten Auftragseingang und 30 Prozent eine Verschlechterung.
Im nächsten halben Jahr erwarten 33 Prozent der befragten Unternehmen eine weitere Verbesserung – 15 Prozent rechnen mit einem zurückgehenden Auftragseingang. Vor drei Monaten rechneten 29 Prozent mit einem steigenden und 17 Prozent mit einem sinkenden Auftragseingang.
Erholung noch nicht in den Erträgen sichtbar
Die Ertragslage stabilisiert sich, bleibt aber weiterhin angespannt: 24 Prozent der Befragten beschreiben ihre Ertragslage mit „gut“ (2025: 19 Prozent), 49 Prozent als „befriedigend“ (2025: 53 Prozent) und 27 Prozent als „schlecht“ (2025: 28 Prozent). 20 Prozent erwarten eine Verbesserung – vor sechs Monaten waren es ebenfalls 20 Prozent. Wo vor sechs Monaten 15 Prozent mit fallenden Erträgen rechneten, sind es heute rund 17 Prozent.
Auslastung etwas verbessert
Auch in den Werten zur Auslastung der Unternehmen zeigen sich Anzeichen einer leichten Aufhellung. Diese hat sich in den vergangenen Monaten etwas verbessert: Rund 63 Prozent der Unternehmen meldeten eine (Unter)Auslastung ihrer Produktionskapazitäten. 27 Prozent gaben eine durchschnittliche Auslastung an, 10 Prozent meldeten eine hohe Auslastung. Vor einem halben Jahr lagen die Anteile bei 70, 25 und 5 Prozent.
Die Investitionsquote der Unternehmen liegt derzeit bei 4,6 Prozent. Vor sechs Monaten lag sie bei 4,8 Prozent, vor einem Jahr bei rund 4 Prozent.
Beschäftigung stabilisiert sich
Nach einem schwierigen Jahr zeichnet sich in den Zahlen zur Beschäftigung eine Stabilisierung ab: Rund 43 Prozent der befragten Unternehmen haben in den letzten sechs Monaten ihre Belegschaft verkleinert. Ebenfalls 43 Prozent haben dagegen Personal eingestellt. Vor sechs Monaten hatten noch 51 Prozent angegeben, ihre Belegschaft verkleinert zu haben. 40 Prozent hatten damals einen Anstieg der Belegschaft vermeldet.
Auch die Prognosen zur Entwicklung der Mitarbeiterzahl deuten auf eine Seitwärtsentwicklung hin: Lediglich 20 Prozent rechnen in den nächsten sechs Monaten mit einem Anstieg der Beschäftigten (2025: ebenfalls 20 Prozent). 19 Prozent erwarten dagegen einen Rückgang – vor sechs Monaten waren es noch 23 Prozent.
Insgesamt zeichnet die Umfrage ein gemischtes Bild der wirtschaftlichen Lage. In mehreren Zusatzfragen hat sich der wvib auch deshalb nach weiteren Einschätzungen der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer der Mitgliedsunternehmen erkundigt.
Die Unsicherheit bleibt
46 Prozent der Befragten geben an, dass die Unsicherheit in den vergangenen sechs Monaten gestiegen ist. Lediglich 10 Prozent sehen eine Verringerung. Für 44 Prozent hat sich die Lage nicht verändert.
Zukunftsmarkt Wehrtechnik?
In einer zweiten Frage hat sich der Verband nach der Bedeutung des Sicherheits- und Verteidigungsmarkts für die Unternehmen erkundigt: Rund 18 Prozent der Unternehmen sind schon in diesem Markt aktiv oder erschließen diesen gerade aktiv. Weitere 31 Prozent prüfen den Einstieg in die Wehrtechnik. Für die übrigen 51 Prozent ist der Markt derzeit kein Thema.
KI schafft Nutzen – in Prozesse integriert ist sie selten
In einer dritten Zusatzfrage hat der wvib die Unternehmen nach ihrer Nutzung von Künstlicher Intelligenz gefragt. Am häufigsten kommt KI bislang in der Verwaltung (30 Prozent), sowie in Vertrieb, Marketing und Kundenservice (28 Prozent) zum Einsatz. In Forschung und Entwicklung (16 Prozent) und in der Produktion (12 Prozent) spielt die KI dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Nur 6 Prozent der befragten Unternehmen geben an, KI überhaupt nicht zu nutzen. Der Rest der Antworten entfällt auf sonstige Bereiche.
In diesem Zuge hat sich der wvib auch nach dem Reifegrad der KI-Nutzung im Unternehmen erkundigt. Angesichts der Antworten auf die vorherige Frage ist das Ergebnis bemerkenswert: Nur rund 5 Prozent geben an, dass KI-Anwendungen bereits ein fester Bestandteil der Geschäftsprozesse sind. 32 Prozent geben an, KI in einzelnen Bereichen regelmäßig einzusetzen, 15 Prozent sind vereinzelt in der Testphase. Das Gros von 48 Prozent der Unternehmen gibt an, dass KI zwar von einzelnen Mitarbeitenden genutzt wird, es bislang aber noch keine unternehmensweite Strategie oder systematische Implementierung gibt.
Dennoch sehen rund 63 Prozent der Unternehmen bereits einen deutlichen Nutzen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz. 33 Prozent geben allerdings an, bisher kaum Produktivitätssteigerungen durch KI erzielt zu haben. 4 Prozent geben an, dass der Aufwand bisher den Nutzen übersteige.
Der Ausblick von wvib-Präsident Bert Sutter: "Wir haben Anlass zum vorsichtigen Optimismus. Die Richtung stimmt, doch für Entwarnung ist es zu früh. Die Unternehmen liefern – jetzt muss auch die Politik liefern. Geopolitische Risiken und strukturelle Probleme am Standort Deutschland bestehen fort. Den globalen Wettbewerb gewinnen wir nicht mit mehr Formularen. Wir müssen schneller, einfacher und besser werden. Hinter CSDDD, CSRD oder CBAM stecken tausende Stunden Verwaltungsaufwand made in Brüssel. Wer Wachstum und Wohlstand will, muss Bürokratie konsequent abbauen.“
Die wvib Schwarzwald AG ist Plattform für People, Planet, Progress im familiengeprägten, industriellen Mittelstand in Baden-Württemberg. Mit über 1000 Veranstaltungen pro Jahr vernetzen wir Unternehmer und Führungskräfte, die sich für Unternehmen, Mitarbeiter, Kunden, Umwelt und Gesellschaft engagieren. Unser Angebot: Erfahrungsaustausch und Weiterbildung. Unser Ziel: Menschen in Unternehmen wirksamer machen. Unsere Themen: Werte, Strategie, Führung, Familie, Eigentum, technologische Perspektiven, neue Marktzugänge, Geschäftsmodelle und Soziale Marktwirtschaft.
Im wvib – gegründet 1946 von Unternehmern für Unternehmer – erwirtschaften 1.060 produzierende Unternehmen mit 288.000 Beschäftigten weltweit 65 Milliarden Euro Umsatz. Über 60 hauptamtliche Mitarbeiter spannen ein südwestdeutsches Netzwerk für „Wissen und
Wärme" über die weltweit engagierte Schwarzwald AG.