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Mehr Ingenieursdenken in der Politik!

26.08.2026

Vor vielen Jahren, als ich in Peking lebte und arbeitete, wurde ich Zeugin einer Diskussion: Können sich eine chinesische, stark von Ingenieuren geprägte Führung und westliche, von Juristen und Geisteswissenschaftlern dominierte Regierungen eigentlich wirklich verstehen?

Daran musste ich denken, als mir eine chinesische Freundin meine Sommerlektüre, Dan Wangs Buch Breakneck, empfahl. Wang beschreibt China als „engineering state“ und die USA als „lawyerly society“: Der eine kann kaum anders, als zu bauen, die andere findet immer noch einen Grund, etwas nicht zu tun.

Natürlich hat der „Ingenieurstaat“ erschreckende Seiten. Ein-Kind- und Null-Covid-Politik zeigen, wohin es führen kann, wenn auch Gesellschaft technisch „optimiert“ werden soll. Doch Wangs Gegenüberstellung lohnt gerade für Deutschland. Denn China denkt Industrie als System. Das Land deckt sämtliche Industriekategorien der UN-Klassifikation ab. Manufacturing Excellence, technologische Eigenständigkeit und möglichst vollständige Lieferketten sind strategische Ziele.

Währenddessen verlagern deutsche Unternehmen Produktion ins Ausland. Für das einzelne Unternehmen ist das angesichts von Kosten, Bürokratie und Standortbedingungen oft rational. Für unser industrielles Ökosystem kann die Summe dieser Entscheidungen fatal sein. Denn Produktion ist mehr als Maschinen und Arbeitsanweisungen. Jeder, der einen Maschinenführer eingelernt hat, weiß: Wissen steckt in Menschen, Erfahrung und eingespielten Prozessen. Mit jeder Verlagerung wandert dieses Wissen mit. Anderswo entstehen Kompetenzen, Netzwerke und Lieferketten – bei uns verschwinden sie.

Deshalb geht es bei Wettbewerbsfähigkeit um mehr als einzelne Unternehmen. Es geht um industrielle Ökosysteme, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit. Und darum, ob aus unserer exzellenten Forschung auch künftig Wertschöpfung bei uns entsteht. Die Solarindustrie bleibt ein mahnendes Beispiel.

Vielleicht brauchen wir keinen Ingenieurstaat. Aber mehr Ingenieursdenken in der Politik täte uns gut: weniger Fixierung auf Verfahren, mehr Blick auf Wirkung – und mehr Verständnis dafür, wie industrielle Wertschöpfung entsteht.

Genau dafür steht der wvib: damit in Baden-Württemberg auch morgen nicht nur erfunden und geforscht, sondern skaliert und produziert wird.

Schöne Grüße

Ihre Hanna Böhme