Lichtblick im geopolitischen Nebelmeer
21.01.2026
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Rückblick | Chef-Talk Global: Der Indien-Code | 21.01.2026 | online
Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg im Subkontinent?
Die Exporte in die USA und nach China sinken, der Binnenmarkt lahmt, Afrika und Mercosur bieten zweifellos großes Potenzial, aber noch nicht heute. Dabei muss kein Ausschlussverfahren angewendet werden, um auf Indien als Hoffnungsträger der Stunde zu kommen. Das Wachstum der vergangenen Jahre ist beträchtlich, und auch für die kommenden Jahre erwartet der Internationale Währungsfonds eine Dynamik, von der viele Volkswirtschaften nur träumen können. Die Industrieproduktion hat deutlich zugelegt, der wachsende Wohlstand schafft neue Märkte, neue Ansprüche und neue Wettbewerber. Ein mögliches Handelsabkommen mit der EU könnte perspektivisch für zusätzliche Dynamik sorgen.
Indien rückt damit zwangsläufig in den strategischen Fokus des deutschen Mittelstands. Doch wer glaubt, hier lediglich eine weitere Absatzregion oder ein günstiges Produktionsland zu finden, unterschätzt den Subkontinent fundamental. Uwe-Georg Fischer, Geschäftsführer von Zahoransky Indien ist sich sicher: Indien ist kein Ersatzmarkt. Indien ist ein eigener Kosmos.
Im Chef-Talk Global wurde schnell klar: Indien polarisiert. Zwischen Faszination und Überforderung, zwischen Aufbruchsstimmung und Chaos. „Indien ist ein Markt, der exzellente Manager demütig macht“, so ist sich Jan H Heinen von Dr. Wamser + Batra sicher. Sie beschreibt weniger ein Scheitern als vielmehr die Notwendigkeit, liebgewonnene Führungs- und Steuerungslogiken zu hinterfragen. Ein hartnäckiges Narrativ wurde im Austausch deutlich relativiert: Indien funktioniert nicht über Korruption. Im Gegenteil. Regulatorische Anforderungen werden verschärft, Antikorruptionsgesetze konsequenter durchgesetzt. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, nicht nur Prozesse, sondern Kultur zu übertragen. Code of Conduct, Zero-Corruption-Policy und das Vorleben dieser Prinzipien sind keine formalen Pflichtübungen, sondern Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum.
Einige Unternehmen verlagern aktuell ihren Investitionsfokus von China nach Indien. Doch der Übergang ist kein gleitender. Joint Ventures, lange Zeit eine häufig gewählte Markteintrittsform, bergen erhebliche Risiken. Denn die drei entscheiden Säulen: Nähe zum Geschäft, klare Verantwortlichkeiten und eine aktive Rolle der Zentrale, sind entscheidend. Indien aus der Distanz zu führen ist praktisch unmöglich.
Der Praxisbericht von Zahoransky Indien zeigte, wie anspruchsvoll dieser Weg ist. Seit 2006 im Land aktiv, mit einem bewussten Schritt weg von den Metropolen, hin zu neuen Standorten und Strukturen. Auch, weil Grundstückspreise in den Ballungsräumen inzwischen europäisches Niveau erreicht haben. Indien ist längst kein Niedrigkostenstandort mehr, sondern ein Markt mit eigenen Logiken und Mechanismen.
Hinzu kommen Themen, die häufig erst weit nach Markteintritt aufkommen. Der Schutz geistigen Eigentums und der Umgang mit Gebrauchsmustern statt Patenten. Steuerliche Feinheiten, bei denen Baugruppen anders behandelt werden als Komplettsysteme. Regionale Unterschiede in der sogenannten State Governance, die über Erfolg oder Stillstand entscheiden können. Indien ist föderal und fragmentiert. Gleichzeitig ist Bewegung im System. Die Vereinheitlichung der Umsatzsteuer ist vollzogen, arbeitsrechtliche Regelwerke werden harmonisiert. Indien belohnt Entschlossenheit, sanktioniert Naivität. Für Indien gilt deshalb besonders: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Das Fazit des Austauschs: Indien ist kein Selbstläufer. Aber es ist einer der wenigen Märkte, in denen industrielles Wachstum, demografische Dynamik und geopolitische Relevanz im besten Sinne zusammenkommen. Der Markt bleibt ein Lichtblick der Hoffnung in einem geoökonomischen Nebelmeer.